KULTURREFLEXIVES COACHING. HERAUSFORDERUNG KULTURELLE VIELFALT

Mrz 22, 2022Wissen

KULTURREFLEXIVES COACHING

 

KULTUR I REFLEXIV I COACHING

Kulturreflexives Coaching erweitert die Perspektivenvielfalt in Lern-, Entwicklungs- und Veränderungsprozessen und schärft den Blick für kulturelle Dimensionen in der Zusammenarbeit

INHALTE

  • Kulturelle Vielfalt wird auf allen Ebenen der Organisation spürbar
  • Kulturreflexives und systemisches Coaching als professionelle Begleitung
  • Von interkulturellem und kulturreflexiven Coaching
  • Kulturbegriffe zwischen Kultur“kit“ statt kultureller Einheit

 

KULTURELLE VIELFALT WIRD AUF ALLEN EBENEN DER ORGANISATION SPÜRBAR

Zusammenarbeiten in internationalen Arbeitskontexten mit Blick auf Rahmenbedingungen von Arbeit 4.0 steigert zunehmend die Komplexität der Anforderungen. Dabei nehmen Diversität, interkulturelle Begegnungen, unterschiedliche soziale Milieus, kulturell vielfältige Werte, Erfahrungshintergründe und Lernkulturen Einfluss in Organisations-, Abteilungs- und Teamkulturen. Dieses wird in der Zusammenarbeit auf allen Ebenen der Organisation spürbar.

Keine Frage – Vielfalt ist reizvoll und öffnet den Weg zu neuen Erfahrungen. Doch die Erfahrungen mit kulturell vielfältigen Begegnungen können auch zu „emotionalen Erschütterungen bzw. Schockerfahrungen“ führen. Denn in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen wird jede Person mit Fragen der individuellen Identität konfrontiert. Eigene kulturelle Werte und Normen werden gespiegelt und reflektiert. Individuelle soziale Sicherheiten können infrage gestellt werden und Verunsicherungen, Ungewissheiten oder auch Ängste erzeugen (Regina Hauser:2004).

In einer sich schnell ändernden, komplexen, flexiblen und globalisierten Lebens- und Arbeitswelt hilft Coaching bei der Orientierung. Doch auch im Coaching prägt kulturelle Vielfalt den Arbeitsraum in der Coachingbeziehung und erweitert die Perspektivenvielfalt im Coachingprozess. Gleichzeitig gilt es im Beziehungsprozess offen zu bleiben und die mit kulturellen Begegnungen verbundenen Ungewissheiten und Unsicherheiten in den Lernprozess mit einzubeziehen.

 

 

SYSTEMISCHES & KULTURREFLEXIVES COACHING

Systemisches Coaching als zielorientierte, systematische und zeitlich begrenzte Unterstützung in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen orientiert sich an vereinbarten Zielen und gestaltet methodisch-kreative, nachhaltige Lern- und Entwicklungsräume. Es nimmt Arbeitsbeziehungen im Kontext der Organisation in den Blick, beachtet biographische Handlungsmuster, umschließt die Auseinandersetzung mit Werten und Leitbildern und ordnet in soziale Kontexte ein. Es ist ein professionelles Begleitangebot für lernende Organisationen, für Veränderungsprozesse und für Menschen, die mit Menschen arbeiten (Verändert nach Fallner/Pohl 2005: 13;31).

Coaching mit System schließt kulturreflexive Einflüsse aufgrund des systemischen Ansatzes mit ein. Dennoch betont kulturreflexives Coaching die Einflüsse kultureller Dimensionen in Coaching-Prozessen für die Coachingbeteiligten noch einmal besonders oder macht sie zum Gegenstand eines Coachingprozesses.

 

 

VON INTERKULTURELLEM COACHING...

Doch wie sollen denn nun vor diesem Hintergrund kulturelle Dimensionen systemisch Eingang im Coaching halten?  Genau hier liegt die Herausforderung für die Beteiligten im Coachingprozess. Wenn ein interkulturelles Coaching angefragt wird, bedeutet das nicht automatisch, dass Kultur als zentraler Einflussfaktor im Zentrum des Prozesses steht.

Vielmehr geht es darum, Kultur nicht als vordefinierten Begriff zu verstehen, sondern offen in der Gestaltung des Lern- und Entwicklungsprozesses zu bleiben. Dies erfordert Selbstverantwortung und Reflexionsbereitschaft, um im kulturellen Vergleich und in der kulturellen Differenz das eigentliche Coaching-Thema nicht aus den Augen zu verlieren.

Kulturreflexive Perspektiven

Hilfreich zeichnen nach HAUSER (2004) auf der Ebene der persönlichen Anforderungen:

Ein hohes Maß an kritischer Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich selbst auf diesem Weg des Lernprozesses selbst zu erfahren

Eine dialogische Grundhaltung, die ausreichend Zeit und Raum für gemeinsames Erleben, Austausch und Sichtweisen ermöglicht und damit Sicherheit und Stabilität im Coachingraum schafft

Einen souveränen Umgang mit Nichtwissen, Missverständnissen, Verunsicherungen, Ohnmachtserfahrungen und Ängsten

... UND KULTURREFLEXIVEN COACHING

Schon in der Begriffsvielfalt von interkulturellem, über multikulturellem hin zu transkulturellem Coaching zeigt sich, wie sich im wissenschaftlichen Diskurs die Verständnisebenen, Herangehensweisen, Haltungen und Sichtweisen unterschiedlich darstellen. Alle kulturbeschreibenden Coachingformen haben ihren eigenen Mehrwert. Der Herausforderung, einen offenen kultur-beschreibenden Coachingbegriff zu entwickeln, haben sich Kirsten Nazarkiewicz und Gesa Krämer (2012:10; 79) gestellt.

Mit ihrem Vorschlag „kulturreflexives Coaching“ schlagen sie eine Brücke vom interkulturellen Lernen über systemische Ansätze der Differenzorientierung hin zu einem kohäsiven Verständnis von transformativem Lernen für die Coachingbeteiligten.

So können die bewusste professionelle Haltung im Coaching betont und gleichzeitig die emotionalen Aspekte von Kultursensibilität und Kultursensivität mit betrachtet werden. Dabei werden kulturelle Irritationen und Missverständnisse genauso einbezogen wie die Reflexion der kulturell vielfältigen Umwelt, der Einbeziehung von Arbeits- und Machtbeziehungen, der individuellen Identitätsentwicklung sowie sozialer Rollen.

Ein kulturreflexives prozessbegleitendes Coaching fragt unter Einbeziehung kultureller Dimensionen nach Perspektiven, Lösungen und Machtverhältnissen und bedeutet gleichzeitig transformatives Lernen im Erfahrungskontext.

Ertragreich wird kulturreflexives Coaching dann, wenn die Coachingbeteiligten bereit sind, sich auf die Lern-, Veränderungs- und Entwicklungsprozesse einzulassen und kulturelle Einflüssen reflexiv mit in den Blick nehmen. 

 

KULTURBEGRIFFE IN DER DISKUSSION

Dem dem offenen Kulturbegriff folgend, werden Kulturen durch beliebige, mehr oder minder große Kollektive repräsentiert, die nach außen durch offene Netzwerkverbindungen charakterisiert sind. Diese Perspektive erlaubt vielfältige und diverse Identitäten durch Beziehungen zu und in unterschiedlichen Kollektiven.

Die Vorstellung, dass sich Kulturen vor allem durch die Einheitlichkeit zugehörigen Mitglieder auszeichnen, hält sich hartknäckig. Dieses Kohärenz-Paradigma versteht Kultur als „das, was alle eint“.

Dieser Blickwinkel erscheint auf den ersten Blick schlüssig, da sich die Angehörigen einer bestimmten Kultur leichter „einordnen“ lassen, wenn man sie im Hinblick auf ihre Gemeinsamkeiten kategorisiert.

 


KULTURREFLEXIVES COACHING

KULTUR"KIT" STATT KULTURELLER EINHEIT

.Die Attraktivität von der Festlegung auf einen Kulturbegriff vermittelt scheinbare Sicherheit in der kulturellen Begegnung. Das Dilemma besteht darin, dass vermeintlich messbare Kriterien wie richtiges oder falsches Verhalten die eigentlich gewünschte Offenheit in der Begegnung verhindern könne. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass wir Menschen vorschnell Kategorien zuordnen, die aber der Komplexität kultureller Vielfalt nicht gerecht werden können.

Im Gegensatz dazu wird mit dem Kohäsions-Ansatz Kultur als „Kit, der alle verbindet“ verstanden. Homogenität, Einheitlichkeit, Heterogenität und Multikollektivität stehen durch vielfache Vernetzung im Kontakt und fruchtbaren Austausch (Glossar Glocal Competence).

 

Quellen

 

  • Glossar. Glocal Competence. Materialien und Übungen zum interkulturellen Lernen. http://ikkompetenz.thueringen.de/
  • Fallner, Heinrich, Pohl, Michael (2005): Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung. 2. überarb. Aufl. Wiesbaden.
  • Hauser, Regina (2004): Interkulturelle Kompetenz: Die Herausforderung, Unterschiede fruchtbar zu machen. Veröffentlicht in business-wissen.de.
  • Nazarkiewicz, Kisten, Krämer, Gesa (2012): Handbuch Interkulturelles Coaching. Konzepte, Methoden, Kompetenzen kulturreflexiver Begleitung. Göttingen.